de-Mail unsicher? Kalter Kaffee...


Kaum daß de-Mail offiziell an den Start gehen soll, sind die einschlägigen Webseiten voll mit Meldungen wie De-Mail ist unsicher. Kurze Durchsage: Die (an einem Teil des Systems geäußterter) Kritik ist kalter Kaffee und war bereits nach einem kurzen Blick auf das Design zu erkennen.

Fleißige Leser dieses Blogs konnten bereits vor anderthalb Jahren hierzu lesen:

"Die Provider sind die Achillesferse des Systems. Durch die Hop-by-Hop-Verschlüsselung liegt die Mail bei jedem De-Mail-Provider, den eine De-Mail durchläuft, im Klartext und ohne irgendeine digitale Signatur vor. Wird einer davon kompromittiert, gleicht das einem dammbruchartigen Zwischenfall - das Ziel ist ja nicht weniger als rechtsverbindliche E-Mails zu schaffen, und wer in der Rolle eines der Provider steckt, kann solche E-Mails nach Belieben selbst erzeugen oder verändern. Auch hier gilt, daß es nicht einmal der böse Angreifer von außen sein muß: Konzerne wie die Telekom sind zu groß, als daß nicht früher oder später irgendein Mitarbeiter mit Zugriff seine Privilegien mißbrauchen wird."

Die inzwischen veröffentlichte Dokumentation zu De-Mail bestätigt die Architektur, die bei meinem letzten Blogartikel ja nur im Freitext beschrieben war. In einer Übersichtsgrafik sieht sie folgendermaßen aus:

De-Mail ArchitekturübersichtDe-Mail Architekturübersicht

Kai Raven äußert sich in seinem Blog kritisch über die Berichterstattung, die De-Mail als per-se unsicher darstellt. In einem Punkt hat er recht: Von Anfang an waren verschiedene Autentisierungsstufen geplant, die sich auch in der technischen Richtlinie wiederfinden:

"Das Authentisierungsniveau, mit dem der Nutzer sich am BP-Account anmeldet, wird sowohl beim Versand einer Nachricht als auch beim Lesen von empfangenen Nachrichten berücksichtigt.
(...)
Möchte der Sender seine Nachricht bzw. Nachrichteninhalte elektronisch signieren und/oder verschlüsseln, so kann er dies mit einer lokalen Signaturanwendungskomponente (SAK) bzw. mit einer lokalen Verschlüsselungskomponente durchführen. Diese Komponenten können auch in dem lokalen Web- bzw. Nachrichten-Client, mit dem er die Nachrichten editiert, integriert sein. So signierte und/oder verschlüsselte Nachrichten kann der Empfänger mit lokalen Komponenten entschlüsseln und vorhandene Signaturen prüfen."

De-Mail sieht also zwei weitere Sicherungsmaßnahmen vor: Eine Anmeldung mit sichereren Verfahren als Benutzername und Paßwort sowie Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mit Hilfe einer "Signaturanwendungskomonente". Beides läßt sich nur mit lokal installierter Clientsoftware (und nicht über das Webinterface) bewerkstelligen und - wenn man es wirklich vernünftig machen will - wird auch entsprechende Hardware dafür benötigt. Letzteres wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der elektronische Personalausweis (ePA) und ein entsprechendes Lesegerät sein.

Die harsche Kritik ist meiner Meinung nach hingegen berechtigt - immerhin war die De-Mail mit dem Vorsatz angetreten, eben keine solche Zusatzhardware zu benötigen:

"Diese Bürgerportale sollen möglichst ohne dedizierte Client-Software und ohne zusätzliche Hardware nutzbar sein."

Die Varianten mit dedizierter Krypto-Hardware sollten lediglich erweiterte Zusatzfunktion für besonders sensible Kommunikation sein. Genau diese Ziele werden aber verfehlt, wenn man nicht der skizzierten Problematik anheim fallen will. Entweder ist De-Mail von der Sicherheit her ziemlich lausig - oder aber De-Mail wird seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht; und wenn man schon entsprechende Hardware nutzt, kann man das ganze auch vernünftig machen und qualifizierte Signaturen nach dem Signaturgesetz verwenden. Damit ist man auch das proprietäre abgeschlossene Mailsystem mit seinen elektronischen Briefmarken los.

Umgekehrt stellt die Kombination aus Authentisierungsniveau und reiner webbasierter De-Mail ein weiteres Sicherheitsproblem dar, sofern diese möglich ist und dem Authentisierungsniveau eine besondere rechtliche Bedeutung zuteil wird: In diesem Fall ist auch das Authentisierungsniveau komplett vom De-Mail-Provider manipulierbar.

Ich fasse nochmal zusammen:

  • Jeder De-Mail-Provider kann ein-, aus- oder durchgehende De-Mails, die rein über das Webinterface erstellt wurden bzw. keine Ende-zu-Ende-Sicherung erhalten haben, lesen oder nach Belieben manipulieren.
  • Ein Provider kann De-Mails von Kunden, die ihre De-Mail-Adresse bei ihm beheimatet haben, beliebige neue Mails generieren (zusammen mit allen anderen nötigen Logeinträgen wie dem An- und Abmelden am Webinterface sowie den Mailserver-Logs)
  • Ein Provider kann De-Mails seiner Kunden löschen bzw. Empfangs- und Lesebestätigungen fälschen (auch hier wieder inklusive aller dafür nötigen Logeinträge vom Webinterface und Mailserver)
  • Sofern das Authentisierungsniveau nicht in irgendeiner Form eine Ende-zu-Ende-Sicherung erfährt, kann es ebenfalls vom Provider manipuliert werden, die Tatsache, daß sie "sowohl beim Versand einer Nachricht als auch beim Lesen von empfangenen Nachrichten berücksichtigt" (sprich: angezeigt) wird, wäre somit Makulatur.

De-Mail ist damit nicht nur der gelangweilte Briefträger, der die Postkarten der Einwohner seines Bezirks liest; das ist ein Postbote, der durch einen Teil der (vermeintlich undurchsichten) Briefumschläge hindurchsieht und Unterschriften perfekt fäschen kann.

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Trackback von Stefan Jung vom 21. Juli 2010 - 18:52

Über das Thema DE-Mail habe ich mich ja bereits an mehreren Stellen geäußert (DE-Mail made by Deutsche Post: E-Postbrief, Bürgermail kommt: DE-Mail für alle! und Weniger ist mehr – der Dienst Bürgermail) und es ist auch nicht von gestern oder let...

Mangel an Alternativen

... und bei genauerer Betrachtung der AGB des E-Postbriefs scheidet dieser als Alternative aus.

sicheres email

DE-Mail: Was es alles kann – und auch nicht …

Es gibt schon länger Alternativen, so wie etwa Opolis Secure Mail (opolis.eu), die mehr können, global anwendbar sind und auch noch gratis sind ...

Ausserdem: Bei Opolis entscheidet der Absender, was der Empfänger mit der Nachricht machen darf (weiterleiten, kopieren, ausdrucken)

Interessanter Artikel:
www. prlog.org/10834702

Opolis: Snake oil

Ich lasse den Werbekommentar mal ausnahmsweise 'drin :-) Denn:
Das ganze disqualifiziert sich noch mehr als de-Mail. Sicherheit durch ein geschlossenes System ist Quatsch - genauso wie bei de-Mail selbst auch. Nur: Hier hat man nicht mal die Sicherheit der Zertifizierung durch eine Bundesstelle.
Und überhaupt: Kontrolle über Weiterleiten, Kopieren, Ausrucken? Daß ich nicht lache. Wenn eine Nachricht einmal beim Empfänger ist, kann dieser mit der Information tun und lassen, was er will - und wenn die Software da eine Kindersicherung vorsieht, dann eben mittels Screenshot (oder ganz banal durch Abtippen).

tja leider ...

... ziemlicher schwachsinn, hättest du mal in opolis richtig (!) hineingeschaut, oder dich mit dem digital millenium copyright act beschäftigt ...

Re: tja leider ...

Ich bitte um sachdienliche Argumente, nicht um Beleidigungen.

Nein, ich benutze opolis nicht (was mir, selbst wenn ich es wollte, nicht möglich wäre, da es für mein OS keinen Client gibt). Ja, ich habe die verfügaren (spärlichen) Informationen gelesen. Ja, ich bin mit dem (btw. amerikanischen) DMCA bestens vertaut (so daß ich mir die Frage stellen muß, was das mit Opolis zu tun haben soll).

Opolis ist ein geschlossenes System mit proprietärem Nachrichten-Client (oder wie ist Opolis E-Mails are transmitted, processed and managed by the Opolis Mail Client sonst zu verstehen?). Die Webseite wirbt noch nicht einmal mit den verwendeten Technologien; die eingesetzten Protokolle sind ebenfalls nicht dokumentiert. Und selbst wenn, wären die Versprechungen nur schwer nachvollziehbar, da der Quelltext der Software nicht einsehbar ist.

Über stichhaltige Informationen freue ich mich selbstverständlich gerne. Ohne die selbigsten bleibt Opolis für mich in der Kategorie "Snake Oil" (vollmundige Versprechen, Wirksamkeit unbekannt).