Telekom: In “Notwehr” Anschlüsse abgehört

Den Recherchen von ZDF und Wirtschaftswoche zufolge hat die Telekom im Dezember 1996 Telefonate abgehört; im Gegensatz zu den bisher bekannt gewordenen Vorfällen ging es hier nicht nur um eine Auswertung der Verbindungsdaten - hier wurden die Inhalte der Verbindungen analysiert.

Man hatte angeblich Hinweise auf einen Hackerangriff, weshalb vier Telefonanschlüsse 5 Tage lang abgehört wurden; 120 Anrufe wurden in diesem Zeitraum geführt. Die Telekom verteidigt sich:

"Angesichts eines nach damaliger Einschätzung unmittelbar drohenden schwersten Eingriffs in die Rechnersysteme der Telekom hielt man wegen der besonderen Eilbedürftigkeit eigene Maßnahmen zur Gefahrenabwehr für unerlässlich. Es handelte sich nicht um einen 'Lauschangriff'. Es ist in diesem Zusammenhang nicht zum 'Abhören' von Telefonaten gekommen. Vielmehr wurde versucht, aus dem Datenverkehr bestimmte Steuersignale (Hackercodes) zu ermitteln."

Das ganze wurde vom damalige Vorstand für Technische Dienste, Hagen Hultzsch, mit dem Notwehrparagrafen (§32 StGB) gerechtfertigt; in diesem Paragraph heißt es: "Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden." Liest man aber die Überschriften der verlinkten Urteile, so handelt es sich dabei fast ausschließlich um Situationen, in denen es um Leib und Leben ging und die eine kurze, schnelle Reaktion erforderten. 5 Tage Abhören ist damit wohl kaum zu rechtfertigen; außerdem hätte man zur Gefahrenabwehr auch einfach die vier Anschlüsse stillegen können. Und daß weder Staatsanwaltschaft noch Polizei über den vermeintlichen Hackerangriff benachrichtigt wurden, wirft ebenfalls kein gutes Licht auf diese Vorgehensweise. Kein Wunder, daß man das vertuscht hat...

Bleiben zwei Fragen offen: Wieso hatte es die Telekom damals so wichtig, selbst Detektiv zu spielen? Und was ist der genaue Grund, daß diese ganzen Vorfälle nun doch noch (und obendrein so gehäuft) ins Licht der Öffentlichkeit geraten? Man könnte fast meinen, daß irgendjemand einen Grund hat, der Telekom tüchtig ans Bein zu pinkeln...

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